Werner Fenz – Die Oberflächen als Interface

Bei ihrer Beschäftigung mit den unterschiedlichen Gestaltungsmitteln hat sich die Kunstgeschichte  vielfach mit der Wirkungsweise und der Bedeutung der Linie auseinandergesetzt und nicht nur Heinrich Wölfflin hat „das Lineare und das Malerische“ als gegensätzliche Erscheinungsformen thematisiert. Aber auch in wichtigen theoretischen Werken von Künstlern, wie beispielsweise in  Wassily Kandinskys Untersuchung „Von Punkt und Linie zur Fläche“ steht die „längsdimensional gerichtete, dichte Aufreihung von Materie-‚Punkten’“ im Mittelpunkt des Interesses. Wenn wir uns im 20. Jahrhundert Beispiele der Op Art in Erinnerung rufen, dann taucht die Aktivierung von Liniengefügen und deren Zusammenschluss zu Flächen als unverwechselbares Vokabular einer entscheidenden Bildmarkierung auf. Eine weitere lässt sich in den bewusst herbeigeführten Irritationen ausmachen, die durch Verkürzungen und Verschiebungen jene fließenden, den Raum in verunsichernder Weise strukturierenden Effekte hervorrufen. Vor allem von diesen Werken ausgehend erschließt sich das enorme Potenzial einer nicht mimetischen Bilderwelt.

Fokussieren wir unseren Blick auf die scheinbar unendliche Vielfalt der seit dem Einsatz des Computers für die Produktion von Bildern möglichen und praktizierten  Verfahren, verflechten sich die starren, in zahlreichen bisherigen  theoretischen Untersuchungen abgegrenzten Gestaltungsmittel zu einem bisweilen kaum überschaubaren Konglomerat: Unter dem besonders unscharfen Begriff der Computerkunst sind deshalb derart unterschiedliche Verfahren – und wohl auch Qualitäten – subsumiert, weil die Verführung durch leicht handhabbare Tools einladend und (zu) groß ist.

Die Herausforderung, diese Werkzeuge künstlerisch überlegt zu handhaben und sie als Gestaltungsmittel präzise einzusetzen, nimmt Daniel Hafner an. Dabei legt er die technische Latte in seiner jüngsten Werkgruppe Morphotransformationen, die nach der Ausstellung „Vista Point. Perspektiven steirischer Kunst“ im Kunstverein Medienturm Graz erstmals in den LICHTUNGEN dokumentiert ist, nicht auf HighTech-Parameter, sondern auf eine standardmäßige Höhe. In der Verwendung eines üblichen Korrekturwerkzeugs als gestalterisches Element liegt eine erste zentrale Entscheidung, die den konzeptuellen Ansatz nicht verleugnen kann. Hafner reiht sich auf einer die Methoden erweiternden und übersetzenden Ebene in jene Kategorien ein, in denen Abfallbilder, Ausschussware, Fehlproduktionen, für den alltäglichen Gebrauch bestimmte Produkte zum Ausgangspunkt künstlerischer Zeichensetzungen geworden sind. Im Unterschied zu einigen möglichen Vergleichen, die nicht auf den digitalen Bereich beschränkt sind, treten fix besetzte Kategorien wie Regeländerungen, Umfunktionierungen, gegen die Normen eingesetzte Verfahren als Auslösefaktoren für den Gestaltungsprozess auf. Was im Programmfundus der Bildmaschinen als Hilfsmittel zur Verbesserung oder zum Herstellen von Effekten vorhanden ist, generiert hier Produkte mit exakter Konfiguration. Diese lässt sich auf ein Untersuchungs- und Darstellungsfeld ein, auf dem die Bi-Polarität von Fläche und Raum ihre variablen Akzente setzt. Eine Reihe von kompositorischen wie auch konzeptuellen Unterschieden gegenüber gegenstandslosen, seriellen oder auf farbtheoretischen Grundlagen basierenden Werken charakterisiert die Morphotransformationen: Den fein ausgewogenen, farbig differenzierten Linienrastern liegt kein rechnerisch auf- oder absteigendes System zugrunde; das Verhältnis von Fläche zu Raum und vice versa entfaltet sich nicht als abrupter Gegensatz, sondern vielmehr als systemimmanenter Übergang; Form und Grund sind unauflöslich miteinander verbunden. Auf der einen Seite sehen wir uns Spielarten ein und desselben „Motivs“ gegenüber, auf der anderen gibt es forcierte Überlagerungen und Konkretisierungen, die zwischen Fond und Gestalt zu differenzieren scheinen. Diese auffällige Ambivalenz gründet auf der Entscheidung, den Gestaltungsprozess im Sinne eines Interface so anzulegen, dass über die Schnittstellen hinaus eine zwar unauflösliche Einheit, zugleich aber auch die unterschiedlichen Erscheinungen dieser Einheit sichtbar werden: Einmal in der Verdichtung und in den Richtungsänderungen der zugrunde gelegten Linien, das andere mal im Wissen, dass die nahtlos aneinander gelegten Horizontalen zur Entfaltung einer farbig durchwirkten Stofflichkeit, zur Ausbildung einer Materie aufgebaut werden können und dadurch in der Lage sind, aus sich heraus, ohne „Fremdverstärkung“, in gleich bleibendem Rhythmus als Formmaterial geeignet sind.

Diese genau beobachteten und konsequent umgesetzten Möglichkeiten verleihen der Konstruktion von Wirklichkeit im Bild jene überzeugende Kraft, die den Morphotransformationen eigen ist. Ihre Potenzen liegen nicht zuletzt in einer aufmerksamen Auseinandersetzung mit über die bildmediale Realität hinaus reichenden, heute bestimmenden, Phänomenen wie den der Informationsgesellschaft zugrunde liegenden Oberflächen, die vor den Bildschirmen nicht Halt machen.