Elke Auer und Daniel Hafner - Capricious Salad


Daniel Hafners Ausstellung “Capricious Salad” entstand aus einem Fundus an Zeichnungen, die laufend weiterentwickelt, vervielfältigt und dann auf unterschiedliche Materialien übertragen wurden.
Im Fokus stand das Experimentieren mit Materialien und der jeweiligen Übersetzungs- und Arbeitstechnik.
Die Ausgangszeichnungen sind schnelle Studien, zeichnerische Motorik-Übungen aus einer Versuchsreihe, die erlernte Zeichentechniken in Frage stellt.
In der Ausstellung treffen Hinterglasmalereien auf eine textile Sitzlandschaft und einen Vorhang mit Zeichnungen in Transferdrucktechnik.
Die musikalische Gestaltung des Eröffnungsabends wird der 1960 geborenen japanischen Musikerin Miharu Koshi gewidmet.
Das Werk der Künstlerin zeichnet sich vor allem durch Diversität, Offenheit und Experimentierfreude aus.


„MANCHMAL HABE ICH DAS GEFÜHL, DASS ICH GERADE DIE AUSSTELLUNG EINER ANDEREN PERSON PLANE“

Elke Auer und Daniel Hafner im Gespräch über “Capricious Salad”, Projektraum Viktor Bucher 24.05.2017.

Elke Auer: Was heißt “zeichnen verlernen” bzw. was interessiert dich daran?

Daniel Hafner: Ich habe ein Problem mit dem was man die „eigene Handschrift“ nennt. Zumindest würde ich gerne wissen wo Handschrift beginnt und um welche Parameter es sich da handelt. Oder anders gefragt: wie schaut ein unbelasteter, frischer Strich aus?
Der einfachste Trick ist mit der anderen Hand einen Strich zu machen, oder man verlängert den Ellbogen mit einem Stift und zeichnet damit.

Zeichnest du mit der Hand oder digital? Ich frage, weil Stifthaltung ja eine große Rolle spielt. Wie hält ein Kind den Stift?

Ich glaube Kinder halten den Stift so wie wenn man ein Stück Holz in die Hand nimmt. Man kann so auch schreiben aber man ist nicht so schnell.
Der größte Teil der Entwürfe und Studien entsteht am digitalen Zeichenbrett mit einem digitalen Stift, aber auch da variiert die Stifthaltung sehr, man kann im Prinzip damit auch alles machen, der Stift hat viele Parameter.

Und wenn der Entwurf dann da ist?

Ich hab Berge an Entwürfen, was dann damit passiert ist unterschiedlich. Zuerst wird Material getestet; es geht darum Materialien zu verwenden, die gut miteinander funktionieren, haltbar sind und vielleicht noch ein bisschen untypisch eingesetzt werden.

Wie nah ist der Entwurf am Original bzw. wie groß ist der Spielraum?

Der ist sehr groß. Das Endergebnis hat oft nicht mehr viel mit dem Entwurf zu tun. Jedes Material hat seine eigene Dynamik, sein Eigenleben.

Ich meine aber auch die Form. Wie überträgt man eine Form, zum Beispiel einen krummen Kreis, vom Computer auf das Material?

Was ich spannend finde am Prozess ist, dass da unterschiedliche Dinge passieren. Wenn man eine Linie, die schnell entstanden ist, langsam nachzieht, sieht das total anders aus. Wie wenn man eine Unterschrift abpaust, dann schaut die auch anders aus. Wenn man eine Unterschrift fälscht, muss man sie schnell nachmachen.

Man muss versuchen die Bewegung zu imitieren, die die Person beim Schreiben vollzogen hat.

Genau, und das interessiert mich überhaupt nicht. Ich muss meine eigenen Zeichnungen nicht fälschen.

Ich glaube du hast den Begriff übersetzen verwendet, das fand ich ganz adäquat für das, was da passiert, zwischen dem Entwurf und der eigentlichen Arbeit.

Ja, da verschiebt sich ein ganzer Haufen Parameter: Zeit, Dimensionen, Widerstand…

Und nach welchen Kriterien wählst du die Materialien aus auf die übersetzt wird bzw. wenn du den Entwurf machst: weißt du dann schon für welches Material der ist?

Neue Zeichnungen mache ich meistens schon für eine bestimmte Arbeit, aber oft verwende ich sie am Ende für eine ganz andere. Manche Zeichnungen kommen auch mehrmals zum Einsatz. Das Gute an Vektorzeichnungen ist, dass man sie so einfach hin- und herschieben und skalieren kann. Ich liebe das.

Aber heißt das Entwurf und Materialauswahl finden getrennt voneinander statt?

Ich sammle Materialen und Zeichnungen. Wenn mich ein Material anspricht frag ich mich für welche Technik sich das eignen würde. Jetzt gerade ist es eben Hinterglasmalerei und Transferdrucktechnik.

Hinterglasmalerei kann man angeblich bis in die Antike zurückverfolgen. Aber im 18ten Jahrhundert wurde das vermehrt in der sogenannten Volkskunst für religiöse Motive verwendet und ich kann mich erinnern, dass meine Mutter in den 80er Jahren einen Hinterglasmalereikurs besucht hat, haha. Was taugt dir daran?

Ich habe Malerei studiert und dann habe ich digitale Medien studiert und wollte nie mehr malen, aber die Malerei hat mich trotzdem irgendwie nie ganz losgelassen. Das Interessante bei der Hinterglasmalerei ist, dass der Pinselstrich komplett verschwindet. Wenn man hinter Glas Farbe aufträgt ist das Pastose der Farbe auf der Rückseite, im Verborgenen. Und auf der sichtbaren Seite wird die Farbe wahnsinnig monochrom und undynamisch, aber die Brillanz der Farbe ist extrem hoch. Die Farbpigmente liegen geordnet nebeneinander, ähnlich einem Computer-Display.

Das ist vielleicht eine Parallele zu der anderen Technik, die du gerade benutzt, die Transfertechnik, wo es auch keine Unregelmäßigkeiten gibt, sondern ein ganz flacher, regelmäßiger Strich entsteht. Das Interessante an der Hinterglasmalerei ist ja auch, dass man spiegelverkehrt arbeiten muss, was wieder mit dem Zeichnen verlernen zu tun hat.

Ja das sind alles Techniken, die es nicht wirklich erlauben die eigene Handschrift umzusetzen.

Du hast in dieser Ausstellung auch Einrichtungsgegenstände. Kannst du dazu kurz was sagen, also was dich daran interessiert hat.

Es gibt einen Vorhang und eine Sitz-und Liegelandschaft, also ein Möbel meinetwegen oder: ein Riesensitzsack, ist das ein Möbel?

Eigentlich schon, aber der Vorhang gehört vielleicht eher zu der Kategorie Heimtextilien.

Heimtextilien gefällt mir gut, da passt auch die Hinterglasmalerei gut dazu. Das ist nicht der erste Vorhang, den ich mache. Ein Vorhang ist ein fantastisches Medium. Mit Vorhängen kann man relativ einfach große Formate umsetzten und sie sind leicht zu transportieren. Ein flexibles Medium. Und ich finde ein Ausstellungsraum braucht eine Sitzmöglichkeit.

In deiner Einladung steht, dass du gerne hättest, dass bei der Eröffnung Miharu Koshi gespielt wird, eine japanische Musikerin aus dem Umfeld vom Yellow Magic Orchestra die eine klassische Ausbildung hat und weirden, sehr experimentellen Electro Pop macht.

Ihre ersten Alben waren richtig satte Discoscheiben, da war sie aber wahrscheinlich noch unter 20. In den 80er Jahren waren es dann Chansons und Pop bis hin zu Klassik in den wahnwitzigsten Kombinationen. Dann auch sehr seltsame Easy Listening Stücke in den 90ern.

Der Titel deiner Ausstellung “Capricious Salad" ist ein Tracktitel auf ihrem Album Parallelisme. Was hat dich an der Musik angezogen?

Ich hatte ein paar japanische MusikerInnen in meinem Stream und dann ist sie da einfach aufgetaucht. Sie hat mich sofort interessiert, weil die Alben extrem gut produziert und alle so unterschiedlich sind. In den letzten sechs Wochen habe ich dann versucht alles von ihr zu hören. Am spannendsten fand ich ihre Alben aus den 80ern.

Mich erinnert das gerade an den Anfang unseres Gesprächs, an deine Handschriftverweigerung.

Wenn man meine Arbeiten anschaut, dann sieht man, dass sie alle sehr unterschiedlich sind und dass ich nicht gerne lange bei einer Sache bleibe. Das kann man mir vielleicht auch vorwerfen aber es liegt eben daran, dass mich so viele Dinge interessieren. Mich interessiert es mit Regen ein Bild zu machen aber mich interessiert auch welche Flex- und Flockfolien es gibt und mit welchen Maschinen man die auf Textil aufbringen kann.

Ich finde aber interessanterweise trotzdem, dass man bei den meisten deiner Arbeiten schon sagen kann, ah, Daniel Hafner. Vielleicht liegt das an der Materialzugewandtheit, die sich da durchzieht.
Ich hab auf deinem Instagram Account gesehen, dass unter deiner Ausstellungseinladung jemand gepostet hat, ob du das Rezept für den Capricious Salad posten kannst. Ich fand das lustig, weil das wie eine Linie ist: kapriziöse Hinterglasmalerei, kapriziöser Vorhang, kapriziöses Salatrezept. Und ich finde, dass man deinen Arbeiten ansieht, dass dir die Zutaten wichtig sind.


Ich denk mir halt alles andere ist eine Zumutung.

Du musst das Matcha Crème brûlée probieren.

Ja unbedingt. Mhm. Knusprig und cremig und grün.